Montag, 04.03.2024 15:19 Uhr

Ein Lehrer in Saudi - Teil 4

Verantwortlicher Autor: Theo Goumas Riad, 13.08.2023, 13:29 Uhr
Presse-Ressort von: Theodoros Goumas Bericht 13431x gelesen

Riad [ENA] Ein Lehrer beschließt, das von der Wirtschaftskrise gebeutelte Europa für eine Zeitlang den Rücken zu kehren und sein Glück in Saudi-Arabien zu suchen. Er bewirbt sich als Englischlehrer und nach vielen Absagen, kommt doch noch eine Zusage, allerdings mit Vitamin B. Das ist der Beginn einer wunderbaren Reise in ein verschlossenes Land, das kaum jemand kennt. Eine wahre Geschichte in Teilen erzählt. Teil 4 der Saga.

Irgendwann machte ich die Augen auf, weil draußen auf dem Gang einer eine Tür ins Schloss haute und sie einen sehr großen Lärm machte. Da es im Zimmer stockdunkel war, wusste ich nicht ob es Tag oder Nacht war. Ich griff nach meinem iPad um nach der Zeit zu schauen. Es war schon Vormittag, aber ich fühlte mich immer noch müde. Die Bilder der Reise und des ersten Tages in Saudi-Arabien schwirrten vor meinem geistigen Auge und ich schlief wieder ein. Anes meinte, dass es am Freitag sinnlos ist früh rauszufahren, weil vor 16 Uhr alles zu ist. Freitag ist in der Islamischen Welt, was der Sonntag für uns Christen ist, der Tag des Betens.

An jedem anderen Tag, aber auch am Freitag wird fünf Mal am Tag gebetet. Dafür geht man jedes Mal in eine nahe Moschee für ca. eine Viertelstunde. Am Freitag jedoch, verbringt man den größten Teil des Vormittags in der Moschee und kommt so gegen 14 Uhr raus. Dann geht’s nach Hause zum Essen und erst danach beginnt das Leben bis spät in die Nacht. Bis vor kurzem war das Wochenende in der Islamischen Welt Donnerstag und Freitag, wurde aber auf Freitag und Samstag verschoben um einen Tag mehr zur Verfügung zu haben, um mit der westlichen Welt Handel zu betreiben und um Geldtransfers schneller zu machen. Die Läden jedoch sind in Saudi-Arabien jeden Tag geöffnet, auch am Freitag, was technisch ein Sonntag ist.

Bei uns gehen die Gewerkschaften deswegen auf die Barrikaden. Die Ladenöffnungszeiten sind hier extrem lang. Von irgendwann in der Früh, kommt auf die Art des Geschäfts an, bis um 23 Uhr. Geschlossen wird nur zur Betenszeit. Banken öffnen sogar auch am Samstag. Deswegen machte ich mir keine Sorgen und schlief selig weiter. Irgendwann fing auch der Muezzin an die Leute zum Gebet, also zur Moschee zu rufen und eine Viertelstunde später hörte man die Stimme des Imam. Vor jeder Betenszeit ruft der Muezzin die Gläubigen vom Minarett aus zu und ca. eine Viertelstunde später fängt der Imam mit seiner Predigt an. Dauert meistens ca. 15 Minuten. Außer freitags, da dauert es Stunden.

Jede Moschee ist mit einer Anlage ausgestattet auf die Musikgruppen neidisch werden könnten. So kriegt die nähere Umgebung die Predigt mit. Als die berauschende Predigt zu ende ging, wachte ich auf. Ich tastete nach dem Lichtschalter überm Bett und stand auf. Erst jetzt bemerkte ich den Aufkleber über dem Fernseher. Irgendwann habe ich mal gelesen, dass die Muslime in Richtung Mekka beten und damit die Gläubigen wissen wo Mekka sich befindet, gibt es solche Aufkleber. Bei einer Werksführung bei BMW und bei Siemens wo ich mal gearbeitet habe, habe ich ähnliche Aufkleber gesehen.

Ich ging nach unten zum Frühstücken und danach vor die Tür. Der Empfangsherr folgte mir und versuchte sein Englisch aufzufrischen. Wir stellten uns gegenseitig Fragen während er eine rauchte. Gegenüber dasselbe Bild wie am Tag davor. Leute die joggen, Leute die Spazierengehen, darunter viele Frauen. Die Luft war klar und erfrischend kühl und trocken. Warum ist sie so trocken, fragte ich? Durch die Wüste gibt es so gut wie keine Luftfeuchtigkeit, sagte er. Ich merkte es an meiner Hand, an der die Haut anfing rissig zu werden. Der Empfangsherr zauberte eine Handcreme aus seiner Tasche und reichte sie mir. Ich fragte nach einer Bank oder Geldautomaten, aber die Gegend war noch neu und es gab weder das eine, noch das andere. Mist!

Ich musste Anes später informieren, dass ich Geld brauchte. Ich ging in den Straßen des Wohngebietes ein wenig spazieren und merkte, dass a) die Straßen sehr breit waren, b) es keine Bürgersteige gab, c) die Häuser meistens nicht über den ersten Stock hinaus-, dafür ziemlich in die Breite gingen und rundherum eine Mauer hatten und d) vor der Tür lauter Luxusautos parkten, viele von denen waren nicht mal verschlossen. Außerdem bemerkte ich, dass die Fenster klein waren und es keine Balkone gab. Als ich mich wieder verlief traf ich auf dieselben Kinder wie am Tag davor. „Yunani!“ riefen sie. Gott sei dank! Ich zückte wieder mit der Visitenkarte des Hotels und sie brachten mich wieder zurück.

Kurze Zeit später war Anes da. Auf dem Beifahrersitz saß seine Frau – voll verschleiert. Was mich wundert. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er sie mitbringen würde und hatte nicht erwartet, dass sie voll verschleiert wäre. Wir fuhren zum Kingdom Tower, einen überdimensionierten Flaschenöffner, wahrscheinlich der berühmteste der Welt. Anes wollte uns den Sonnenuntergang von oben zeigen. Leider würde es nicht dazu kommen. Wir waren ein wenig spät dran, kamen in einem Stau rein, fanden dann im Parkhaus (parken umsonst!) schwer einen Parkplatz und als wir endlich im Gebäude, im Einkaufszentrum waren, war Betenszeit.

Wir schlenderten herum, um die Zeit totzuschlagen. Ich schaute mich ganz genau um und löcherte Anes mit Fragen. Er antwortete ganz brav. Wieder stimmte vieles nicht, was ich vorher gelesen hatte. Eines davon war, dass wenn man sich zur Betenszeit in einem Geschäft befindet, man einfach nicht bedient wird, weil alle sich auf dem Boden werfen um zu beten. Schwachsinn! Wenn der Muezzin ruft, werden alle Leute, die an den Kassen stehen schnell bedient und der Rest wird gebeten das Geschäft zu verlassen. Da man aber weiß, wann Betenszeit ist, wartet man nicht bis der Muezzin ruft, sondern macht eine Durchsage und bittet die Menschen sich zu den Kassen oder zum Ausgang zu begeben. Dann wird der Laden abgesperrt.

Bei Zuwiderhandlung gibt es Geldstrafen und eventuell Lizenzentzug. In Supermärkten kann man aber währenddessen seinen Einkauf fortführen, denn man ist nicht verpflichtet Beten zu gehen. Zumindest in Riad werden die Türen abgesperrt, das Personal verzieht sich in einen Hinterraum und die Menschen gehen entweder zum Beten in den Gebetsraum oder wohin sie mögen oder füllen ihren Einkaufswagen und stellen sich vor den Kassen. Das Witzige daran ist, man weiß nicht welche Kasse nach der Betenszeit aufmachen wird. Die Mär, dass alle beten gehen, stimmt also nicht. Das sahen wir auch im Einkaufszentrum. Sehr viele Menschen warteten vor verschlossenen Türen darauf, dass die Geschäfte wieder aufmachten oder waren im Supermarkt eingeschlossen.

Wer aber beten will, kann eine der sehr vielen Moscheen besuchen, Alle zwei Blocks oder so gibt es eine, kleinere schlichte, sowie größere schicke. Oder man besucht einen Gebetsraum im Einkaufszentrum. Dass ausländische Frauen nicht verpflichtet sind Kopftuch zu tragen und ihr Gesicht zu verbergen hatte ich gelesen, hier sah ich es Live und in Farbe. Es gab viele Ausländerinnen die zwar mit Abaya, aber ohne Kopfverdeckung herumlaufen. Die fielen sofort auf. Auch ich fiel auf, nicht weil ich kein traditionelles Gewand anhatte, sondern weil ich größer als die Araber bin, hellhäutig und blond. Irgendwie kam ich mir vor wie Sting neben Cheb Mami im Video ‚Desert Rose’.

Dass die Araber im Gewand rumlaufen stimmt auch nicht ganz. Sehr viele, vor allem junge Leute, kleiden sich normal an. Obwohl ausländische Frauen eine Abaya tragen müssen, müssen ausländische Männer kein Gewand tragen. Die Araber sind der Meinung, dass es bei Ausländern lächerlich ausschaut. Wieder eine Gemeinsamkeit zu Bayern. „Wieso ist aber deine Frau voll verschleiert?“ fragte ich. „Um nicht aufzufallen und angestarrt zu werden“ sagte Anes. Recht hatte er. Der Blick, auch meiner, fiel sofort auf die Ausländerinnen, die Araberinnen nimmt man kaum war. Auch deswegen, weil sie schwarz gekleidet sind. Als die Betenszeit um war reihten wir uns in eine lange Schlange ein um den Fahrstuhl nach oben zu nehmen.

Im Fahrstuhl gingen die Frauen nach hinten, Männer standen vorne. Irgendwo in der Mitte mussten wir den Fahrstuhl wechseln. Dort gab es ein nobles Restaurant mit herrlichem Blick über die Stadt, das wir einmal durchquerten. Es gab auch eine sehr kleine Moschee die wir besuchten und ich dufte sogar Bilder machen. Außerdem gab es eine Bildergalerie mit Fotos vom Kingdom Tower. Dann nahmen wir den zweiten Fahrstuhl und kamen auf 300 Meter über dem Boden raus. Vor uns spannte sich die Brücke, die die zwei Türme verbindet. Dort zückte jeder seine Kamera oder Handy und fotografierte auf Teufel komm raus. Wie war das noch mal mit dem Fotografierverbot? Scheint nicht ganz zu gelten. Die Aussicht ist phänomenal! Ganz Riad lag uns zu Füßen.

Auf dem Dach eines Hotels unter uns gab es eine Tennisanlage und daneben ein Fußballfeld. Spitze! Den Sonnenuntergang hatten wir leider verpasst, aber die Aussicht entschädigt für die Strapazen. Als der Magen anfing zu knurren fuhr uns Anes in ein traditionell arabisches Restaurant. Das Gebäude sieht von draußen sehr schick aus, und von drinnen umso schicker. Es ist ein Traum von 1001 Nacht! Da das Lokal voll war, mussten wir warten. Es gab zwei Möglichkeiten: vor uns gab es auf dem Boden abgetrennte Bereiche in denen man sich setzen konnte, oder links neben dem Eingang eine Kaffee- und Teestube. Wir entschieden uns für Letzteres. Dort setzten wir uns auf dem Boden und bestellten einen Tee und einen Kaffee nach dem anderen.

Kostet nix, ist beides sehr lecker und dazu gab es Feigen. Irgendwann wurden wir gerufen und wurden zu einem Gang geführt in dem es Räume aus Vorhänge gibt. Der Ober schob einen Vorhang zur Seite, wir zogen die Schuhe aus und ließen sie draußen und machten es uns auf dem Boden gemütlich. Es gab viele Kissen zum anlehnen. Als das Essen kam und der Ober alles auf dem Boden ausgebreitet und den Vorhang hinter sich zugemacht hatte, nahm Anes’ Frau den Schleier runter und es kam ein sehr süßes Gesicht zum Vorschein. Hier fiel mir wieder auf wie groß die Portionen doch sind. Und man isst wieder mit den Händen. Weil es ein wenig frisch war, brachte uns der Ober eine tragbare Gasheizung.

Bevor aber der Ober hereinkam, machte er sich bemerkbar und Anes’ Frau verschleierte wieder ihr Gesicht. Das Restaurant hatte einen Innenhof, außer dem Erdgeschoß, noch einen ersten Stock, einen Kinderbereich mit Spielzeug, verschiedene traditionelle Gegenstände und viele Pflanzen. Auf dem Klo traf ich wieder auf das ‚sanfte arabische Klopapier’ wie es Saki, einer meiner besten Freunde es nennt. Mit dem Düsenstrahl musste ich mich noch anfreunden.

Als wir fertig mit dem Essen waren und uns auf dem Weg machen wollten, kam der Ober wieder mit einem Behälter, dem Oud, in der Hand, aus dem Rauch stieg. Man muss den Rauch, der herrlich duftet zu sich auf die Kleidung wedeln. Soll Glück bringen und die bösen Geister vertreiben. Anes fuhr uns noch durch die Nacht und wir lauschten arabischer Musik im Radio während wir durchs Zentrum und später ins Hotel fuhren. Mit all diesen Düften, Aromen, Geschmäckern, Bildern und dem Rauch aus dem Oud in der Nase, entschwebte ich ins Reich des Morpheus. Fortsetzung folgt.

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