Donnerstag, 02.02.2023 11:51 Uhr

Lauf durch die Geschichte

Verantwortlicher Autor: Theo Goumas Gizeh, 14.12.2022, 21:24 Uhr
Presse-Ressort von: Theodoros Goumas Bericht 5708x gelesen
Wüstenlauf
Wüstenlauf  Bild: Theo Goumas

Gizeh [ENA] Läufe, egal ob 5, 10, 21, 30, 42 oder 50 und mehr km, gibt es auf der ganzen Welt. Es gibt große und kleine, bekannte und unbekannte Marathons. Große Städte, wie kleine Dörfer veranstalten einen oder mehrere Läufe und ziehen Läufer aus allen Ecken der Welt an. Hier ist ein kleiner, junger Lauf.

Was mal olympische Disziplin war, ist in den letzten Jahrzehnten, und gerade in den vergangenen 15 Jahren, zum Massenphänomen geworden. Joggen war in vielen Ländern populär, aber zu einer richtigen Welle ist Joggen, bzw. Laufen, erst mit den verschiedenen Krisen geworden. Sei es, dass man kein Geld fürs Fitnessstudio hatte, sei es, dass man durch einen Lauf durch den Wald auf andere Gedanken kam, egal was man für einen Grund hatte/hat, man braucht nicht viel, um einfach drauflos zu laufen. Und wenn man einmal damit angefangen hat, leckt man Blut und kann nicht mehr damit aufhören.

Der Einzelgängersport hat sich aber mit der Zeit weiterentwickelt und ist zum Breiten-, Massen- und Gruppensport geworden. Natürlich gibt es die Jogger, die einsam im Wald ihre Runden drehen, aber ums Laufen ist eine ganze Industrie entstanden. Man läuft nicht mehr allein, sondern in der Masse und versucht eine Bestzeit hinzubekommen. Am Ende der Schikane gibt es eine Medaille, ein T-Shirt vom Event und viele Erinnerungen. Außerdem ist es eine gute Möglichkeit neue Orte kennenzulernen und eine gute Entschuldigung zu verreisen.

Mittlerweile gibt es so viele Läufe, dass man den Überblick verliert. Außer den großen, klangvollen und sogar geschichtsträchtigen Marathons, wie Athen, London, New York oder Boston, gibt es unzählige kleine und viele davon bieten etwas Besonderes. Mal ist es eine wunderschöne oder spektakuläre Strecke, mal ist es ein Whiskythlon (Schottland), ein Bierathlon (England) oder einer mit lokalen Köstlichkeiten an den Verpflegungsstationen (China). Manche sind straff organisiert und manche eher weniger bis gar nicht. Manche sind zertifiziert und andere nicht. Es geht um den Spaß, die Erfahrung, ums Dabeisein.

Ein junger Marathon, der heuer zum vierten Mal stattgefunden hat, ist der Pyramids Half Marathon (https://www.pyramidshalfmarathon.com) in Gizeh bei den Pyramiden. Normalerweise findet er im Februar statt, heuer hat er jedoch im Dezember stattgefunden. Der Ort ist außergewöhnlich und spektakulär zugleich. Der Lauf findet auf dem Gelände der Pyramiden, dem letzten der sieben antiken Weltwunder, statt. Mit etwa 4000 Läufern gehört er eher zu den kleinen Marathons und eignet sich gut, um eine Bestzeit zu laufen. Oder auch nicht, weil man aus dem Staunen nicht mehr rauskommt und ständig anhält, um Fotos zu machen.

Wer schon mal im arabischen, afrikanischen oder asiatischen Raum gelaufen ist, wird schon gemerkt haben, dass es entspannter als in Europa oder Nordamerika zugeht. Nicht anders verhält es sich mit diesem Lauf. Das fängt schon mit der Website und der Kommunikation an. Viele wichtige Infos gibt es schlichtweg nicht oder kommen spärlich und auf dem letzten Drücker, sodass ein organisierter Europäer verzweifeln kann und den Augenblick verflucht, an dem er die Startgebühr gezahlt hat. Und die Überraschungen gehen bis zum Schluss weiter.

Wenn man auf dem offiziellen Link der Veranstaltung klickt, sieht man, dass wichtige Informationen fehlen. Infos, die der Läufer braucht, wie z.B. Streckenpläne, genaue Details zur Expo, zum Shuttle-Service etc. gibt es nicht. Die Seite wird nach und nach aktualisiert und wenn man der Organisation eine E-Mail schreibt, antworten sie zwar, aber nicht auf alles, wie z.B. ob der Busfahrschein für umgerechnet 4,50 Euro, nur hin oder hin und zurück ist, wann und wo der Bus denn genau abfährt etc.

Die Expo ist klein, bietet wenig und ist schwer zu finden. Location ist die Mall of Arabia, irgendwo im westlichen Nirgendwo, weit außerhalb der Stadt. In einer E-Mail gibt es den Hinweis, dass man über den Eingang 11 dorthin findet, und tatsächlich, vorm Eingang steht ein Schild, danach leider keins mehr und so muss man nach der Expo suchen. Irgendwann findet man sie im Garten und läuft erstmal hin und her, weil sie ein komisches System mit An- und Abmeldung haben und mit Entgegennahme der bib und des Beutels. Infos zur Busfahrt gibt es kaum, nur dass der Bus um 6 Uhr Früh, an einer anderen Stelle als auf der Website angegeben, abfährt. Spät am Abend wird man in eine WhatsApp-Gruppe eingefügt, in der es mehr Infos zur Busfahrt gibt.

Kurz vor 6 in der Früh stehen einige Läufer am vereinbarten Ort vor einem Minibus, aber wie es sich herausstellt, ist es nicht der richtige Bus. Irgendwann kommt jemand, winkt ohne etwas zu sagen und die Läufer folgen 100 Meter weiter zu einem großen Bus. Dann kommt das große Warten und viele WhatsApp-Nachrichten. Um 6:30 geht's endlich los. Nach ca. 45 Minuten erreichen wir fast das Ziel, aber der Fahrer verfährt sich und muss eine große Runde drehen. Da vor der Einfahrt zum Gelände, aufgrund der Sicherheitskontrollen Stau herrscht, dauert es noch länger bis wir ankommen. Vom Parkplatz aus muss man etwa 500 Meter durch die Wüste einen Hügel rauf und dort gibt es viele Stände, eine Bühne, Klos und Gepäckabgabe.

Bei fast allen Ständen muss man etwas bezahlen. Das Einzige, was vorm Start umsonst ist, ist Wasser, an einem der Stände. Vor den Klos, die nach Geschlechter getrennt sind, gibt es lange Schlangen. Die Klos, und das ist eine weitere Überraschung, sind keine chemischen Klos, sondern haben eine Porzellanschüssel, ein Waschbecken und einen Spiegel. Alles ist sehr sauber, weil es Putzmänner gibt die ständig sauber machen. Weil aber die Schlangen vor den Klos lang sind, startet der Lauf nicht pünktlich um 8, sondern erst eine Viertelstunde später. Keiner regt sich auf, wie auch auf der Expo, sind alle tiefentspannt. Währenddessen dröhnt aus den Boxen laute Rockmusik. So ziemlich alles was krach macht ist zu hören, von Bon Jovi bis ACDC.

Der Moderator ist guter Laune und wird nicht müde zu erzählen, dass wir hier durch die Geschichte laufen (Motto des Laufs) und was das für ein geiles Event ist und hat auch noch diverse Statistiken parat. Unter den 80 Nationen sind die meisten Ägypter, gefolgt von den Amerikanern. Andere Nationen sind: Japaner, Schweden, Briten, Norweger, Deutsche, Franzosen, Italiener, Griechen und ich, der Greco-Bavarian. Mehr Frauen als Männer laufen mit und beim Durchschnittsalter habe ich nicht mehr aufgepasst, weil ich mit Fotos machen beschäftigt war. Dafür gibt's wahrscheinlich eine schlechte Note, aber egal. Beim Start wird laut Hells Bells von ACDC gespielt, was irgendwie zum ganzen Spektakel passt. Ich bin, wie alle anderen auch, gut gelaunt.

Was bei dem Lauf anders ist, ist, dass die drei Läufe, 5, 10 und 21km, gleichzeitig und ohne Blöcke starten. Wir sind eine breite Masse von 4000 Läufern, die uns gleichzeitig über die Startlinie den Hügel runter bewegen. Die Sonne scheint, noch ist es angenehm kühl und aus meinen Ohrstöpseln ertönt einer der Inside Trance Mixes von Alex Pepper (https://www.mixcloud.com/alexpepper/). Die Outside Trance Mixes sind auch sehr zu empfehlen. Wenn man in diesen Teilen der Welt läuft sieht man auch eine andere Art von Läufern. Es sind meistens (sehr) junge Menschen und die Einheimischen laufen in alles was sie haben, während die Westler in ihrer Hightech-Ausrüstung antanzen. Die Einheimischen laufen in Baumwoll- und sogar in Jeanshosen.

Während die Westler übermotiviert an den Start gehen, sind die Einheimischen entspannt und scheinen eine gute Zeit zu haben. Während die Westler durch die Massen rennen und jeden überholen, laufen oder gehen die Einheimischen gemütlich, reden miteinander, telefonieren und machen Fotos. Zeit scheint denen egal zu sein. Am Ende gewinnt ein Afrikaner und die Westler gucken dumm aus der Wäsche. Blöd gelaufen im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Wüste an sich ist ein magischer Ort. Die Beduinen in Saudi fühlen sich in der Wüste frei und wohl. Sie sagten mir damals, ich solle mich irgendwohin stellen, die Arme ausbreiten, dem Rauschen des Windes zuhören und dann werde ich mich wie der König der Welt fühlen. In der Tat, es war genau so. Ein herrliches und berauschendes Gefühl. Berauschend ist es auch hier bei den Pyramiden zu laufen. Wir befinden uns zwar auf dem Gelände, aber etwas weiter weg, dort wo die Touristen nicht hinkommen. Glücklicherweise laufen wir auf Asphalt und nicht auf Sand. Die Menschenmasse schlängelt sich wie eine Schlange über die ersten Kurven den Hügel runter, die Sonne lacht, der Wind weht, vor uns in der Ferne eine Ortschaft und hinter uns die Pyramiden.

Die Endorphine fahren Achterbahn, die Musik und die Leute sorgen für gute Laune und wenn man nach etwa 2km die Pyramiden in der Ferne vor sich sieht, ist man ganz hin und weg und spürt eine unbeschreibliche Kraft. Einen Kilometer weiter trennen sich die Wege der 5, 10 und 21km Läufer und es wird etwas ruhiger auf der Strecke. Hinterm Zaun reiten Männer auf ihren Pferden und wirbeln Wüstensand auf, an den Stationen gibt es Wasser, isotonische Getränke, Bananen und Datteln. Da ich wie immer mit eine Flasche laufe, lasse ich alles links liegen. Nach 5km drehen wir um und laufen fast die gleiche Strecke zurück zum Ziel. Auf einmal ist da ein Red Bull-Bogen mitten im Nichts und passt irgendwie nicht in die Landschaft, schaut aber geil aus.

Als es bergauf geht und viele Läufer sich entschließen, nicht zu laufen, aber zu gehen, ertönt aus meinen Kopfhörern das Lied True Love Never Dies (https://www.youtube.com/watch?v=ClyZkPQgLa8) und in dem Augenblick sehe ich ein Pärchen vor mir, wie es versucht die Steigung nach oben zu laufen und der Mann seine Hand auf dem Rücken seiner Liebsten hat und sie sanft nach oben schiebt. Bei der kurzen Strecke erreiche ich als Langstreckenläufer zwar kein Runner's High, bin aber dennoch in einem Rausch und laufe am Pärchen und vielen anderen vorbei. Auf der Zielgeraden stoppe ich, weil am Wegesrand ein Mann auf einem Kamel sitzt und ich unbedingt Fotos machen möchte.

Der Mann freut sich und fragt woher ich komme und schon laufe ich weiter dem Ziel entgegen. Der Moderator ist immer noch sehr guter Laune und spielt immer noch Rockmusik und sagt einige Namen der Läufer auf, die über die Ziellinie laufen. Ich strecke wie immer die Faust gen Himmel, die Fotografen kommen mit dem Fotografieren nicht hinterher und kaum sind wir durchs Ziel gelaufen, gibt es die Medaillen und der Spaß ist vorbei. Ich bleibe noch eine Weile hinterm Ziel und schaue dem Treiben zu, gehe dann Wasser und meine Sachen holen und bewege mich Richtung Parkplatz, wo ich ein Uber bestelle, der nie kommt. Deswegen muss ich noch 2 Stunden warten, bis der Bus geht.

Beim Bus komme ich mit einer Schwedin ins Gespräch und die Zeit vergeht angenehm. Da der Lauf verspätet angefangen hat, ist er auch später zu Ende gegangen, sodass die Siegerehrung später stattgefunden hat, was wiederum Auswirkungen auf die Abfahrtzeit hat. Anstatt 11:30 Uhr, fahren wir um 12 Uhr los. Es dauert etwa eine Stunde bis wir ankommen. Das Personal am Eingang des Hotels schaut mich komisch an, als ich in Sportklamotten und der Medaille um den Hals reingehe, die ich dann bei der Sicherheitskontrolle ablegen muss (es ist wie am Flughafen, mit Scanner etc.) Im Zimmer falle ich mit einem breiten Lächeln ins Bett und schlafe erstmal eine Runde. Was für ein schöner Tag!

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