Mittwoch, 17.08.2022 10:23 Uhr

Ein Lehrer in Saudi

Verantwortlicher Autor: Theo Goumas Riad, 01.01.2022, 10:19 Uhr
Presse-Ressort von: Theodoros Goumas Bericht 5593x gelesen

Riad [ENA] Ein Lehrer beschließt, das von der Wirtschaftskrise gebeutelte Europa für eine Zeitlang den Rücken zu kehren und sein Glück in Saudi-Arabien zu suchen. Er bewirbt sich als Englischlehrer und nach vielen Absagen, kommt doch noch eine Zusage, allerdings mit Vitamin B. Das ist der Beginn einer wunderbaren Reise in ein verschlossenes Land, das kaum jemand kennt. Eine wahre Geschichte in Teilen erzählt. Teil 3 der Saga.

Nach ich weiß nicht wie vielen Stunden wache ich vom Gesang des Muezzin langsam auf. Ich öffne meine Augen und sehe fast nichts. Im Zimmer ist es sehr dunkel. Wie lange habe ich denn geschlafen? 24 Stunden etwa? Ist es morgen? Ich fühle mich viel zu müde um aufzustehen und bleibe im Bett liegen. Die Stimme des Muezzins wirkt einschläfernd und entführt mich wieder ins Reich des Morpheus. Irgendwann reißt mich das Läuten des Telefons aus dem Schlaf. Willkommen im Jahre 1435. Kein Witz! Hier gibt es eine andere Zeitrechnung, nach Mohamed dem Propheten. Es ist Anes mein Filipino. Er meint, dass er es nicht rechtzeitig schafft mich abzuholen und statt 16 Uhr kommt er so gegen 18:30 Uhr. Kein Problem, umso besser.

Er ruft noch mal an, sagt er und legt auf. Ich gehe ins Bad und fühle mich auf einmal klein in dem großen Raum. Das Bad wirkt so leer. Rechts befindet sich das Waschbecken mit Spiegel, vor mir links die Kloschüssel, gegenüber die Dusche. Später bemerke ich, dass es kein Klopapier gibt und mir kommt eine von Harald Schmidts Kolumnen für den Focus in den Sinn. Darin beschreibt er einen Geschäftsreisenden der für ein großes Unternehmen mit Klangvollem Namen ständig auf Achse ist und er sich in den Lounges der Flughäfen dieser Welt wohler fühlt als bei sich zu Hause. Beim Besuch einer Flughafentoilette versucht er alles mögliche zu tun um nicht schmutzig zu werden und gleichzeitig vieles auf einmal zu machen, wie z.B. auf E-Mails zu antworten.

Er zwängt seinen Aktenkoffer irgendwie zwischen den Beinen damit er vom schmutzigen Boden nicht versaut wird, etc. Irgendwann, nach getanen Geschäft und als es schon zu spät ist, lächelt ihn der Karton der Klorolle entgegen. Bei mir gibt es nicht mal einen Karton zu sehen. Dafür einen Duschkopf an der Wand. Aha! So geht das also hier. Andere Länder, andere Sitten. Ich geh wieder schlafen und wache etwa eine Stunde später auf. Anes ist wieder am Telefon und meint, dass es noch ein wenig später wird. Kein Problem, denke ich mir. Von mir aus braucht er heute nicht zu kommen. Morgen ist auch ein Tag.

Ich gehe zum Fenster und versuche den Vorhang aufzumachen. Geht nicht. Spinnen die Araber? Dann sehe ich ein paar Kordeln links und rechts. Ziehe an der einen und der dünne Vorhang geht zur Seite. Ziehe an der Anderen und der Dicke öffnet sich. Dazwischen aber gibt es noch eine Plastikplane die das Licht draußen hält. Ziehe an der dritten Kordel und das Plastikding geht nach oben. Endlich Licht! Merke aber, dass a) das Fenster klein und b) das Glass milchig ist. Der 40“ Fernseher ist an einer Digitalbox angeschlossen und ich brauche ein paar Minuten um damit zurecht zu kommen. Ich zappe durch die gut 900 Kanäle (unglaublich!) und muss feststellen, dass fast alle entweder aus dem Arabischen bzw. Afrikanischen Raum sind.

Ein paar Türkische Sender sind dabei. Sogar Euronews, CNN und BBC sind auf Arabisch. Schalte die Glotze wieder aus, nehme den Lift und gehe nach unten. Der Herr am Empfang ist derselbe wie am morgen und begrüßt mich herzlich. Draußen empfangen mich die langsam untergehende Sonne und ein kühler Wind. Es ist tatsächlich frisch. Kaum zu glauben. Man denkt immer hier ist immer Sommer. Pustekuchen! Kalt ist es! Vor mir befindet sich eine extrabreite Straße mit Verkehrsinsel in der Mitte und auf der gut drei Autos nebeneinander in jede Richtung passen. Gegenüber ist ein unbebautes Grundstück und dahinter befindet sich eine breite Straße mit Hotels wie meines.

Zur Linken befinden sich ein Bürogebäude und ein paar der größeren Hotels die ich am morgen sah. Zur Rechten geht das unbebaute Grundstück in die Länge und auf der Seite meines Hotels sehe ich weiter Neonlichter die auf Hotels schließen lassen. Auf dem Gehweg der anderen Straßenseite laufen ein paar Jogger der Abendsonne entgegen und viele Frauen im Ninjalook gehen Spazieren. Dass die Araber keinen Sport im Freien machen und keine kurzen Hosen tragen scheint hiermit ein Märchen zu sein. Dass die Frauen nie ohne Männerbegleitung aus dem Haus gehen, auch. Einige sind in Gruppen und manche alleine unterwegs. Mir fällt ein, dass ich in der Früh einen kleinen Supermarkt gesehen habe und mache mich in dessen Richtung.

Ich habe keine Rials, dafür aber Kreditkarten dabei. Ich betrete den Laden und sehe zwei asiatische Angestellte. Frage ob die Englisch können. Können sie nicht. Winke mit meiner Kreditkarte, geben mir zu verstehen, dass die nicht auf Plastikgeld stehen. ATM? Verstehen sie nicht. Bank? Ein hoffnungsvolles Glitzern in deren Augen macht sich breit. Ich schnappe mir einen Kuli und ein Stück Papier von der Theke und zeichne einen Bankautomaten. Der eine der beiden malt ein großes X auf meine Zeichnung, was bedeutet, dass es keinen gibt. Mist! Mit knurrenden Magen geht es zurück zum Hotel. Ich biege irgendwo falsch ab und komme an einer Moschee vorbei. Ein paar Kinder die auf der Straße spielen schauen mich verwundert an und kommen auf mich zu.

Eines der Kinder spricht ein paar Brocken Englisch und fragt nach meinen Namen und Herkunft. Mit Greece kann der Junge nichts anfangen, aber als ich Yunan, also Griechenland auf Arabisch sage, entfaltet sich bei allen ein Lächeln bis zu den Ohren. Ich nehme die Visitenkarte des Hotels aus meiner Tasche und zeige sie den Kindern. Sie können mir den Weg nicht erklären, bringen mich aber bis vor die Hoteltür. Kaum drin, schaut mich der Herr am Empfang an und wedelt mit dem Telefonhörer. Anes ist dran. So gegen 20 Uhr wird er kommen, sagt er. Ich darf im Hotel essen und trinken was ich will, alles auf Kosten der Firma. Gut. Ein Sandwich und einen Tee, bitte.

Um 20:30 Uhr klopft es an der Zimmertür. Der kleinwüchsige Filipino ist da. Wir steigen in sein Auto ein und fahren eine gute halbe Stunde durch die Gegend. Er rast über die Autobahn als ob der Teufel hinter ihm her wäre, er überholt mal links, mal rechts und ich fühle mich wie im PS-Spiel Burnout. Irgendwann biegt er ab, es geht durch bewohntes Gebiet und irgendwann erreichen wir eine Straße mit Geschäften. Er parkt und wir gehen ein paar Schritte. Das Restaurant ist groß, sieht auf dem ersten Blick wie ein Schnellimbiss aus, weil es Kassen hat vom Schlag eines McDoof oder eine der anderen Burgerbratereien, ist aber alles andere als ein Schnellrestaurant.

Er bestellt etwas für uns beide, danach gehen wir ins Bad um uns die Hände zu waschen. Auf dem Weg ins Bad bemerke ich keine Stühle und Tische. Stattdessen ist entlang der Wand ein Bereich wie ein Podium, ca. halben Meter vom Fußboden hoch und mit grünem Teppich ausgelegt. Darauf sitzen Männer in kleinen Gruppen und essen. Nach dem Händewaschen setze ich mich zwischen zwei Gruppen auf dem Boden, während Anes nach draußen zum telefonieren geht. Einer der Männer rechts von mir spricht mich irgendwann mal an und wir fangen ein Gespräch an. Irgendwann kommt der Kellner und fragt was ich trinken möchte. Pepsi Light versteht er nicht ganz und bringt mir ein 7Up. Der Englisch sprechende Araber erklärt es ihm und sofort ist meine Pepsi da.

Irgendwann kommt auch Anes und kurz darauf breitet ein Kellner einen Plastiktischbezug auf dem Boden aus. Dann kommt auch das Essen. Reis mit Hähnchen in kleinen Stücken und etwas Gemüse. Dazu Fladenbrot und eine Flasche scharfer Soße. Gegessen wird mit den Fingern, Besteck gibt es keines. Ich bin kurz davor meine Kamera oder mein BlackBerry zu zücken um das Essen und den Laden zu fotografieren, muss es mir leider verkneifen, weil ich den Eindruck habe, jeder schaut auf uns und es kommen wieder Knastszenen aus ‚Im Juli’ und ‚Midnight Express’ in den Sinn. Mist!

Wir steigen ins Auto ein und fahren wieder eine halbe Stunde. Anes erzählt, dass es in Riad kaum alte Häuser gibt. Riad war noch vor ein paar Jahrzehnten ganz klein, habe ich gelesen und ist boom-artig gewachsen. Das sagt auch mein Filipino. Und es wächst ständig weiter. Es wird überall gebaut und täglich ändert sich was. Wir fahren zu einem der Wolkenkratzer der Stadt, in dem ein Hotel, ein paar Firmen, Cafés und Restaurants beherbergt sind und drehen dort eine Runde in dem Komplex. Auf dem Weg von den ganzen Gebäuden stehen lauter Luxuskarossen. Hier sehe ich zum ersten Mal in meinem Leben weiße Ferraris.

Was habt ihr eigentlich für eine Macke mit weißen Autos? Frage ich. Weiß ist schick, hält im Sommer die Hitze fern, darauf sieht man den Wüstensand nicht so stark, etc. Praktisch, denke ich mir. Wir fahren weiter zu einer Straße mit Cafés, Restaurants und verschiedenen Geschäften. Auf insgesamt sechs Fahrspuren ist um Mitternacht die Hölle los. Es handelt sich um den Corso der Stadt. Hier kommen alle um sich zu zeigen und fahren ihre PS spazieren. Eigenartig, meint Anes. Hier herrscht zwar immer Verkehr, aber Stop and Go um die Uhrzeit? Schon bald finden wir die Ursache heraus. Polizeiblockade. Beide, normale und Religionspolizei stehen mitten auf der Straße und kontrollieren die Autos auf Papiere und Zucht und Ordnung.

Ich zeige meinen Reisepass samt Visa. Yunani? Fragt der Polizist und lächelt bis zu den Ohren. Ja, Grieche, sage ich und lächle mindestens so breit wie er. Wir dürfen weiterfahren und parken ein Stückchen weiter vor einem Café. Obwohl es nach Mitternacht ist, ist es noch angenehm und die Leute sitzen draußen. Wieder etwas das nicht stimmt. Mir wurde erzählt, dass es in diesem Land keine Cafés gibt wie wir sie kennen und man setzt sich nie draußen hin, weil es draußen keine Tische gibt. Gelogen! Wir sind an Starbucks und ein paar anderen Ketten und Arabischen Cafés vorbeigefahren und viele hatten Tische auf dem Bürgersteig. Wir gehen rein und bestellen uns Tee und Kuchen.

Um uns herum sitzen lauter Araber in ihren Gewändern und unterhalten sich, lachen und amüsieren sich. Wie in einem Laden in der westlichen Welt. Nur der Anblick ist etwas befremdlich. Knappe Dreiviertelstunde später macht der Wirt die Lichter aus und wir müssen gehen. Anes fährt mich noch ein wenig durch die Gegend und schließlich ins Hotel. Dort angekommen finde ich heraus, dass Viber nicht funktioniert. Zensur. „The Hand“, wie es im Buch ‚Alif the Unseen’ heißt. Im Bett rasen die Bilder, Eindrücke und Gefühle der letzten 48 Stunden wie wild vor meinen Augen. Irgendwie fühle ich mich sehr eigenartig. Es ist eine mir fremde Welt.

Zum ersten Mal in meinem Leben befinde ich mich in einem Land dessen Schrift ich nicht lesen kann. Ich bin schon mein ganzes Leben Ausländer, egal wo ich mich befinde, damit habe ich kein Problem, aber hier ist noch mal anders. Das fiel mir in Ägypten auf. Als ich im Flughafen auf die Toilette wollte, öffnete man mir die Tür, mir wurde der Weg bis zum Klosett gezeigt, Seife, Papiertücher und Parfüm gereicht. Wie bei Harrods in London. Alle sind extrem freundlich und heißen mich im Land willkommen. Die Gedanken und Bilder rasen weiter und ich ertrinke in Gefühlen und schlafe ein. Fortsetzung folgt.

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